Gizelas Geschichte - Afik Shiraz. Abinun Shmuel

habe ich auch die Sprachkenntnisse meines Vaters zumindest teilweise geerbt und heute kenne ich mehrere Sprachen. Einiges davon habe ich aus dem Kopf verloren während die deutsche Sprache die einzige ist, die ich zu vergessen versuche. Obwohl ich introvertiert war, hatte ich mehrere Freunde in der Stadt, eine muslimische Nachbarin, Susanna, eine russische Freundin, deren Vater ein Zarist war und nach der bolschewistischen Revolution im Ersten Weltkrieg aus der Armee, die nach Jugoslavien zog, floh und Perla Ovadia, die Tochter des jüdischen Arztes und Desa, die war serbisch. Mit diesen drei Freunden wurde die Verbindung auch nach dem Krieg aufrechterhalten. Susanna, eine Pravoslawin (russisch-orthodox), verbrachte die Kriegstage in Bjeli Manastir, dem weißen Kloster an der Grenze zu Ungarn. Desa heiratete einen Journalisten in Belgrad. Sie wollte ihn überall hinbegleiten aber dieser Lebensstil passte nicht zu ihr, so dass sie sich schließlich scheiden ließen. Danach löste sich auch die Verbindung zwischen uns auf. Fünf Jahre sind vergangen, seit ich mit acht Jahren den umständlichen Gipsverband losgeworden bin. Eines Tages besuchten wir den Bruder meines Vaters in seiner Brauerei und bereiteten Slivovic zu, ein alkoholisches Pflaumengetränk, das in unserer Gegend üblich war. Wir hatten ein Familienpicknick und ich spielte mit einer Melone, die ich dort fand, als wäre es ein Ball, und als die Melone wegzurollen begann, rannte ich ihr nach. Am Fuße des Abhangs fuhr ein Zug vorbei und ich wäre fast unter seine Räder geraten. Glücklicherweise hat mich in letzter Minute jemand erwischt und mein Leben gerettet, aber mein Bein war wieder gebrochen. Alle Versuche, das Bein mit Verbänden zu strecken, scheiterten und es blieb nichts anderes übrig, als das Bein erneut in Gips zu legen. Anstatt die zweite Klasse in der Schule zu besuchen, lag ich das ganze Schuljahr auf der Veranda unseres Hauses. Freunde aus der Schule kamen mich nach der Schule besuchen, aber wie lange konnten sie mit einem Mädchen spielen, das sich nicht bewegen konnte? Das waren also leider ziemlich kurze Besuche. Meine besten Freunde waren damals die Bücher. Ich habe alles und viel gelesen und besonders die Märchen der Gebrüder Grimm geliebt, die zu dieser Zeit sehr verbreitet waren, darunter Rotkäppchen, Aschenputtel und Schneewittchen. In unserer Stadt lebte eine wohlhabende jüdische Familie, deren Kinder bereits größer waren und ihre Kindheitsbücher nicht mehr brauchten. Sie liehen mir die Bücher gerne aus, weil sie wussten, dass ich sie gut behandeln würde. Bis heute mag ich es nicht, „Eselsohren“ im Buch zu haben. Wenn ich beim Lesen eine Pause machte, legte ich ein Stück Papier als Lesezeichen ein. Meine Mutter ging immer zu ihnen nach Hause und kehrte mit vier bis fünf Büchern für mich zurück. Nachdem ich fertig war, gab sie sie zurück und nahm andere mit. Von dieser Familie, die so großzügig war, überlebten nur der Sohn und eines der Mädchen den Krieg. Der letzte Rabbiner der Gemeinde in unserer Stadt war Leon Maestro. Seine Amtszeit endete 1934, als Alexander, der König von Jugoslawien, von einem Attentäter ermordet wurde, als er Marseille besuchte, was offenbar eine Tat jugoslawischer Separatisten der Ustascha war. Ich erinnere mich gut, wie der Rabbi in der Synagoge stand und uns in einem Sturm der Gefühle sagte: „Der König wurde getötet, der König wurde getötet!“ Am Ende dieser Worte erlitt er einen Nervenzusammenbruch, brach er zusammen und es gab keinen Rabbiner mehr bei uns. Ein anderer Rabbiner namens Levi, der später auch gemeinsam mit uns im Lager Bergen-Belsen war, war eher ein Kommunist als ein Geistlicher. Er studierte das Rabbinat auf Druck seines Vaters, las aber lieber kommunistische Literatur als religiöse Bücher. Eines Abends hörte mein Vater im Radio Nachrichten darüber, wie Kommunisten von den deutschen Besatzern behandelt wurden, ging zur Synagoge, verbrannte alle Bücher des Rabbiners, brachte die Asche nach Hause und verteilte sie im Garten. Er hatte Gemeinschafts- und Familienbeziehungen zur Religion

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